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 Freizeichnung

Von Versuchen der Selbstentlastung möchte ich berichten. Als ich 1963/1964 als Austauschschüler unter anderem am Gemeinschaftskundeunterricht meiner Schule teilnahm, bemerkte ich zu meiner Überraschung, dass der Lehrer in der 1. Stunde „I am not a communist.“ an die Tafel schrieb. Obwohl mir natürlich die McCarthy-Ära noch geschichtlich gegenwärtig war, verwunderte ich mich darüber sehr und sprach ihn an.

Er war erkennbar kein Kommunist und niemand hielt ihn für einen solchen, es war daher wohl eine eher präventive Freizeichnung von etwas, was er möglicherweise meinen, denken oder sagen könnte. Obwohl sich die Zeiten geändert haben sollten, so bleiben uns die unterschiedlichsten Zuweisungen und Entlastungsbemühungen erhalten. Die zeitgegenwärtigen Zuweisungen sind uns hinlänglich geläufig und auch wir sind stets bemüht, diesen zu entgehen, weil sie oft schwerwiegende persönliche und berufliche Konsequenzen haben können.

Um was mag es denn bei diesen Wechselwirkungen gehen? Derjenige, der Zuweisungen ausspricht, also jemanden an den Pranger stellt, wird zunächst davon entlastet, dass jemand denken könnte, er gehöre auch dazu. Derjenige, der versucht sich präsumtiv von einem Vorwurf zu entlasten, also einem solchen, der noch überhaupt nicht ausgesprochen wurde, zeigt sich einerseits schuldbewusst, was auf Vergebung hoffen lässt, andererseits aber den Argwohn erweckt, dass an möglichen Vorwürfen noch mehr dran sein könnte, als bereits bekannt. So wirkt der Versuch der Freizeichnung wie ein Bumerang, schafft erst Verdächtige und gewährt denjenigen, die selbst nicht ins Fadenkreuz eines Verdachts gelangen wollen, für unsichere Chancen, ihrerseits prozessuale Vorteile zu erlangen.

Dass die Rechnung nicht aufgeht, wissen wir aus vielfältiger geschichtlicher Anschauung. Die Revolution frisst ihre Kinder und fast jede Verdächtigung kehrt über kurz oder lang zu ihrem Urheber zurück. Weder Freizeichnung benötigt Verdächtigungen, noch sind sie erfolgversprechend, wir können nur hoffen, von dem Radar der Allwissenheit nicht erfasst zu werden.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski